Warum ein Schwabe, der in Stuttgart lebt und keinen Bezug zu Frankfurt hat, Fan der Eintracht geworden ist? Die Frage kommt nicht selten und Bernd hat darauf schon eine Paradeantwort. „Du kannst von jedem Verein Fan werden, außer von der Eintracht, da sucht sich der Verein die Fans aus“, sagt er und lacht. Zuerst ausgesucht wurde sein Vater. In den 60er Jahren sah er die Eintracht bei einem Freundschaftsspiel in Reutlingen. Von da an fuhr der Bäckergeselle alle zwei Wochen nach Frankfurt. Direkt aus der Backstube ins Stadion.
Die Liebe zur Diva vom Main wurde an Bernd weitergegeben. Sein erstes Spiel? Könne er tatsächlich nicht sagen. „Ich konnte kaum laufen, da war ich mit im Stadion.“ Erst bei Spielen aus den 80er Jahren könne er sich richtig erinnern. Seitdem besucht der 57-Jährige so viele Spiele im Stadion wie möglich. Genauso wie sein Vater ist auch er im Handwerk tätig. Neben der Arbeit als Schornsteinfeger und dem Ehrenamt schafft er es trotzdem noch zu dem Großteil der Spiele. International fahre er zu allen Spielen, auswärts zu zwei Drittel und ein bisschen mehr als die Hälfte aller Spiele im Waldstadion. Für Heimspiele fährt er rund 400 Kilometer – 200 hin, 200 zurück. Oft auch mit seinem Sohn zusammen.
Ein Ritual bei jedem Abstieg
Ein Jahr nach dem ersten Abstieg 1996 wurde er Mitglied bei Eintracht Frankfurt. Nach dem zweiten Abstieg 2001 tritt er dem Fanclub „Eintracht Freaks Württemberg“ bei. Den Adler lässt er sich nach dem dritten Abstieg 2004 tätowieren und 2011 lackiert er sein Motorrad um. Die Abstiege haben ihn näher zur Eintracht gebracht, erzählt Bernd. Auch bei dem legendären Aufstieg gegen Reutlingen war er im Stadion. Damals hatte er noch keine Dauerkarte. Über seinen Onkel bekam er Karten für das Spiel und stand direkt neben dem Gästeblock, als Alexander Schur die Eintracht zurück in die Bundesliga schoss.
Während er über die Zeit redet, kommt er ins Schwärmen. Seit dem zweiten Abstieg versuchte Bernd, so viele Spiele wie möglich zu sehen. Egal ob auswärts oder daheim, egal ob Höhenflug oder bitterer Abstiegskampf. Bei jedem Relegationsspiel sei er dabei gewesen, genauso wie beim Pokalfinale 2006, 11 Jahre später gegen den BVB und natürlich auch 2018 gegen die Bayern. „Highlight meines Lebens“, so betitelt Bernd den Überraschungserfolg. Nicht nur bei ihm flossen an diesem Abend viele Tränen.
Und dann kamen Europapokal, Halbfinale, Viertelfinale, Barcelona und natürlich der Sieg.
Bernd Walter, langjähriges Mitglied
Nie habe er gedacht, dass sein Verein mal in diese Sphären kommen würde. In Barcelona und Sevilla war er mit dabei. Erst im Nachhinein habe er die Fotos der Invasion gesehen. „Was mir die Eintracht mit dem Europapokalsieg 22 gegeben hat, so viel könnte die Eintracht gar nicht kaputtmachen, dass ich jemals ein schlechtes Wort verlieren würde.“
Eine Eintracht-Familie
Nach all den Spielen und Erfahrungen bleibt der Pokalsieg 2018 das emotionale Highlight – wenn er nur auf das Sportliche schaut. Denn was er sonst noch um die Eintracht erlebe, sei viel größer. Mittlerweile habe er gute Bekannte in verschiedenen Städten. Zusammen sind sie schon zu Auswärtsfahrten gefahren. Genauso trifft er auch im Urlaub immer wieder auf Eintracht-Fans oder auch auf Mitglieder aus dem Staff. Das Adlertattoo und seine Klamotten machen es leicht erkennbar, für welchen Verein sein Herz schlägt, scherzt er.
Am Dienstag kommt die Eintracht-Familie in seine Heimat. Das einzige Spiel, zu dem er mit der Stadtbahn fahren könnte. Seit 30 Jahren sei er bei jedem Spiel der SGE in Stuttgart gewesen. Dieses Jahr schafft er es nicht. Sein Ehrenamt im Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerkes verhindert den Stadionbesuch. Einen Tipp für das Spiel hat er trotzdem. Nach dem 3:3 gegen Dortmund bleibt die Offensive weiter potent. Nur die Defensive steht besser. 1:3 für die Eintracht.



