03.11.2021
Fans

Mit Hänsel, Gretel und dem täglichen Murmeltier nach Mailand

Moderator Jochen Stutzky erinnert sich an das Rückspiel in Mailand 2019, beschreibt die Eigendynamik, die Fans und Team international entwickeln können und welche Zutaten es dazu benötigt.

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich persönlich ein emotionales Wechselbad wie rund um das Europa-League-Rückspiel der Eintracht bei Inter Mailand noch nie derartig erleben dürfen. Von Anreise bis Abpfiff. Dabei lief es nach dem 0:0 eine Woche zuvor eigentlich wie geschmiert. Erste Chance Haller – Latte! Zweite Chance Jovic – 1:0, das wichtige Auswärtstor gleich zu Spielbeginn. Trotzdem, oder gerade deshalb, sind wir mit zunehmender Spieldauer zunehmend an der Eintracht verzweifelt. Vielleicht, weil die Mannschaft an diesem 14. März 2019 einfach zu überlegen aufgetreten und zu viele Chancen liegen gelassen hat. Und man sich immer wieder dabei ertappt hat, zu sagen: Das kann fast nicht gutgehen. Immerhin war der Gegner vorheriger Champions-League-Teilnehmer – und eben immer noch Inter. Man fühlte sich wie das Kaninchen vor der Schlange. Nur einmal hätte sie zubeißen, Mailand ein Gegentor aus dem Nichts erzielen müssen und das große Zittern in San Siro wäre womöglich losgegangen. Bekanntlich lief es anders. Und rückblickend genau so, wie es alle im Vorfeld geahnt, sich zumindest gewünscht und manche scheinbar gewusst hatten. Dieser Glaube, der mit jedem internationalen Erfolg weitergewachsen ist, er hatte eine rational kaum erklärbare Eigendynamik entwickelt...

Rückblende

Frankfurt hatte nach der historischen Gruppenphase vor dem Jahreswechsel mit sechs Siegen aus sechs Spielen auch in der K.-o.-Phase Champions-League-Absteiger Shakhtar Donetsk auf teilweise furiose Weise eliminiert. Also hatten sich Matthias Bauknecht, ein guter Freund und Eintracht-Fan, und ich kurzerhand entschlossen: in Mailand sind wir dabei! Reisestress hin oder her, insgesamt 14 Stunden Autofahrt für zwei Tage. Das ist uns die Eintracht doch wert, bestätigten wir uns.

Schon auf dem Hinweg trafen wir auf lauter kleine Vorboten, die sich am späten Donnerstagabend schließlich wie ein Puzzle zusammenfügen sollten. Je südwestlicher wir kamen, desto mehr Autos begegneten uns, auf denen SGE-Sticker prangten oder aus denen Fanschals herausflatterten. Kaum ein Kilometer verging ohne dass uns Adler entgegenblickte. Zunächst in der Schweiz. Und je näher wir Italien kamen, desto mehr verdichteten sich diese Eindrücke. Der vorläufige von vielen Höhepunkten dieses Trips war eine Leitplanke auf einem stinknormalen Autobahnparkplatz, auf der es vor hunderten Eintracht-Aufklebern nur so wimmelte. Da hatten mindestens drei, vier Reisebusse aus dem Herzen von Europa ihre Spuren hinterlassen. Wir kamen uns allmählich vor wie Hänsel und Gretel. Mit dem Unterschied, keinen Brotkrumen, sondern Aufklebern zu folgen. Kurzum: schon auf der Autobahn verstetigte sich das die gesamte Saison vorherrschende Gefühl, dass sich hier etwas bewegt und sich diese Wucht – davon bin ich fest überzeugt – auf die Spieler auf dem Rasen übertragen hat.

Egal, wo sich Eintrachtler als solche zu erkennen gegeben haben, ein ähnliches Prozedere. Gegenseitiges angrinsen, kurzes Nicken, kein Wort, aber die Bestätigung: Heute ist Inter fällig!

Jochen Stutzky

Natürlich schwingt bei solchen Gedanken auch immer eine Spur Aberglaube mit. Als wir etwa auf dem Splügenpass in ein Restaurant eingekehrt waren, gab es dort im Tagesangebot Murmeltiersuppe. Ausgerechnet. Natürlich haben wir es nicht übers Herz gebracht, davon zu kosten, uns aber eingeredet: Diese Murmeltiere sollen richtig zähe Viecher sein. Die überleben jedes Wetter, jede Temperatur, jede Naturgewalt. Wie die Eintracht, die auch Inter Mailand im ersten Vergleich Paroli geboten hat. Einfach nicht kleinzukriegen! Der kurz vor Schluss von Kevin Trapp gehaltene Elfmeter diente uns als passendes Sinnbild. Und überhaupt: Täglich grüßt das Murmeltier... Was für uns in diesem Fall den Einzug ins Viertelfinale bedeutet hatte.

Vor diesem Hintergrund war uns schon tags zuvor bewusst, dass nach dem Champions-League-Aus des FC Bayern und von Borussia Dortmund die Eintracht der einzige noch international vertretene Bundesligist war, zudem nach elf ungeschlagenen Pflichtspielen in Folge. Ganz Fußballdeutschland drückte Frankfurt die Daumen!

Dann kommst du in Mailand an und erlebst, wie abertausende Frankfurter Fans auf der Piazza del Duomo Stimmung machen und Präsident Peter Fischer, während dieser ein Fernsehinterview gibt, an dessen Geburtstag hochleben lassen. Die wenigsten kannten wir, aber darum ging es nicht. Egal, wo sich Eintrachtler als solche zu erkennen gegeben haben, ein ähnliches Prozedere. Gegenseitiges angrinsen, kurzes Nicken, kein Wort, aber die Bestätigung: Heute ist Inter fällig!

Unverhoffte Begegnung: Stutzky-Kumpel Matthias Bauknecht trifft in Mailand Uwe Bein, den Held seiner Kindheit.

Etwas Magengrummeln hatte ich allenfalls, weil Ante Rebic mit Knieproblemen ausfiel und Adi Hütter nach seinem Flaschentritt nicht an der Seitenlinie stehen durfte. Der damalige Trainer saß nur unweit von uns entfernt, nicht als einziges bekanntes Gesicht. Peter Fischer sind wir nochmal kurz über den Weg gelaufen. Eine Geburtstagsgratulation, ein kurzer Schnack, ein Foto. Auch er vermittelte allen: Heute klappt’s! Und dann diese Begegnung mit Uwe Bein, die bei mir in zweierlei Hinsicht haften geblieben ist. Erstens hatte mir Matthias von seiner Bewunderung für Bein erzählt und betont, wie cool es doch wäre, den Weltmeister einmal persönlich kennen zu lernen. Es war keine geplante Aktion, wir haben uns auf der Tribüne zufällig getroffen, kannten uns bereits, haben uns kurz unterhalten – und für Matthias ging unverhofft ein kleiner Traum in Erfüllung.

Es sollte nicht das letzte Bein-Kuriosum bleiben. Denn noch kurz vor dem Anstoß hatte er von einem persönlichen Flashback erzählt, weil er seinerzeit eben bei der WM 1990 im Giuseppe-Meazza-Stadion für die Nationalmannschaft gegen die Vereinigte Arabische Emirate getroffen hatte. Ein Traumtor. Mit seinem schwächeren rechten Fuß. „Da! In dieses Tor!“ Natürlich in jenes, in das wenige Augenblicke später Luka Jovic einnetzen sollte...

Dass es das Tor des Tages bleiben und zum ersten Viertelfinaleinzug nach 24 Jahren führen sollte, war uns zu diesem Zeitpunkt freilich nicht klar. Weil sich die an sich einseitige Begegnung spannungsmäßig aber immer mehr zuspitzte, flitzten unsere Augen und Gedanken immer schneller durch diesen Fußballtempel. Mehrfach den 2:0-Schrei auf den Lippen und dann doch wieder runtergeschluckt. Heiß, kalt, heiß, kalt... Blicke auf das Spiel, die Stadionuhr, Hütter. Und wieder zurück. Als tatsächlich der erlösende Schlusspfiff ertönte, war die Haltung erst recht: Jetzt ist alles drin!

Spontane Liveschalte nach dem Viertelfinaleinzug: Jochen Stutzky mit SPORT1.

In dieser Euphorie haben wir sogar Hotelzimmer im Endspielort Baku gebucht; Hänsel, Gretel und das Murmeltier hätten wir bei diesem beinahe Übermut wohl gleich mitgenommen. Auch wenn es schließlich ganz knapp nichts mit dem Finale werden sollte, wird dieses Europapokaljahr und speziell die 90 Minuten und 14 Autostunden rund um Mailand immer einen Platz in meinem Kopf haben. Garniert mit der spontan umgesetzten Idee einer Liveschalte vom Stadion ins SPORT1-Studio. Man musste doch schließlich als Augenzeuge von diesem Abend berichten.

In diesem Zusammenhang freut es mich umso mehr, dass die Eintracht nach einjähriger Europacup-Abstinenz wieder aufs internationale Parkett zurückgekehrt ist und der Verein und ich wieder unsere Zusammenarbeit für die Matchday-Show „Eintracht International“ fortsetzen können, nachdem 2019 „Zuhause in Europa“ angelaufen war. Dass dieses Zuhause für einen Adlerträger an jedem Ort der Welt sein kann, haben Fußballer und Fans in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen. Die nächsten Geschichten warten schon. Ganz bestimmt.

Euer,

Jochen Stutzky

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