29.09.2021
Fans

Strahlen und sich erinnern

Jan Köppen schreibt in seiner Gastkolumne über seine Erlebnisse und Eindrücke vom Rückspiel gegen Chelsea und was Danny da Costa und er an diesem Abend gemein hatten.

Das Flutlicht brennt noch und mittlerweile ist es sehr, sehr still geworden.


Ich blicke in das leere Stadion an der Stamford Bridge. Ein paar Meter entfernt 
die letzten Fernsehteams mit ihren Analysen, ein paar Ordner, die ihre Feierabendrunde drehen. Mit einem Auge auf den Rängen, mit dem anderen im Bett. Routine. 
Vielleicht aber nicht an diesem Abend. 


Ich stehe einfach da und bin fasziniert von diesem Stadion und seinen leeren Rängen. Dieser Kathedrale, die sich gleich wieder schlafen legt. 


Wenn sie vor und nach den Spielen leer sind, diese Stadien, dann fühlt es sich so an, als würden sie schlafen und davon träumen, dass bald wieder ein Spektakel in ihnen stattfindet. Und dafür muss sich ein Stadion ausruhen. Energie tanken. Woche für Woche bereit machen, um genug zu strahlen für ein solches Spektakel, um dann am Abend nach den Spielen all den anderen Stadien zu erzählen, was heute in ihnen passiert ist. Wie an jenem Abend im Mai 2019.

Und so stehe ich da und schaue einfach nur, wenn auch etwas traurig, vor allem beseelt auf die leeren blauen Ränge. Rückblickend kann ich das natürlich romantischer erzählen, weil der Schmerz nachgelassen hat.


Der Schmerz darüber, das Wunder so knapp im Elfmeterschießen verpasst zu haben. Den großen Traum vom Finale in der Europa League.

Die leeren blauen Ränge in London – ein Bild, das sich bei Jan Köppen eingeprägt hat.

Auf einmal kommt Danny da Costa aus der Kabine. Ganz allein. Komplettes Spieloutfit immer noch an. Schlappen über den Stutzen. Ich weiß nicht, ob er eigentlich zu einem Interview sollte, das dann wieder abgesagt wurde. Aber er ging nicht. Er stand wie ich noch ein paar Minuten da und hat in diese leere Spielstätte geblickt. Und es wirkte so, als wolle er noch einmal all das aufsaugen, was an jenem Abend in London passiert ist. Ein Spiel, von dem jedes Stadion träumt. Mit eben diesen Fans, die jedem Stadion in Europa für immer in Erinnerung bleiben werden. 

Ich glaube, die Stamford Bridge wird noch lange von jenem Abend erzählen. Es mag sein, dass ich als Eintracht-Fan einen etwas verklärten Blick habe. Aber wer an diesem Abend nicht auch nur ein bisschen Herz für diese Fans und diesen Verein hatte, der hat kein Herz. Und während ich das hier schreibe, habe ich wieder Gänsehaut und bin mir sicher, dass es dem Stadion genauso geht, wenn es an diesen Abend denkt.

Die Eintracht-Kurve feiert ihre Mannschaft für eine ganz besondere Europareise.

Ich wette, jeder Eintracht-Fan hat ein Gefühl zu eben jener Nacht. Zu diesem Spiel.
 Es war so ein „Wo warst du an diesem Abend“-Abend. Auch wenn er nicht glücklich endete, bleibt vielleicht genau deshalb noch viel mehr diese volle Kurve in Erinnerung, die einfach nicht gehen wollte. Nicht 10, nicht 20, nicht 30 Minuten nach Spielende. Sie blieb und feierte das Spiel, die Spieler, diese unfassbare Reise durch Europa, die jedes Stadion zu spüren bekam, in dem die Eintracht auflaufen durfte. 
Alles entlud sich noch einmal nach dem Spiel.


Auf diese Kurve haben an diesem Abend im Mai ganz sicher auch die Chelsea-Spieler neidisch geblickt. Ich meine, so etwas wie einen sehnsuchtsvollen Blick von Eden Hazard Richtung Kurve gesehen zu haben. Denn auch er wusste: So oft passiert das nicht. „Und mir versohlen sie den Arsch, wenn wir nicht mindestens das Finale gewinnen.“ (Hat er aber Glück gehabt, der Eden.)


Dieser Moment, diese Stimmung, fühlt sich aus heutiger Sicht ewig weit weg an. 
Wie aus einer anderen Zeit. Einer anderen Welt. Denn zwischen heute und damals liegen Monate, in denen leere Stadien traurig dabei zusehen mussten, wie Fußballer ihrem Beruf nachgehen. Aber niemand sonst da ist, der diesem Beruf das gibt, was ihn so wunderschön macht: Das Herz. Die Fans. Mir ist schon klar, woran das alles lag und auch, dass es wichtig und richtig war und ist. Aber vor allem für die europäischen Stadien wünsche ich mir, dass es sich bald wieder ändert und sie dann leer sind, wenn sie es sein sollen und dann voll, wenn sie es können.

Das Stadion nach der Partie – kurz zuvor spielte sich die Eintracht in die Herzen vieler Fußballfans in ganz Europa.

Ich wette, die Stamford Bridge hat in den vergangenen Monaten sehr oft von diesem einen Tag geträumt und hofft, dass ein solcher bald wieder kommt.

Und wer weiß, vielleicht hat das Stadion in Antwerpen von diesem Spiel und diesen Fans gehört und freut sich, dass zumindest ein paar dabei sein dürfen.


Damit es zumindest ein bisschen strahlen kann.


Denn das wollen sie: wieder strahlen und sich erinnern.


An Spektakel in Europa. 


So wie Danny da Costa, ich und viele, viele andere.

Euer Jan Köppen

Zur Person

Jan Köppen ist Fernsehmoderator, der für RTL verschiedene Formate – unter anderem Ninja Warrior – moderiert. Dazu ist er glühender Fan der Frankfurter Eintracht, was er auch auf seinem Twitter-Kanal häufig kundtut.

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